Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
Mensch
27. Juni 2021

Versöhnung

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Im Evangelium der heutigen heiligen Messe ist von der Pflicht der Versöhnlichkeit die Rede. Versöhnung besagt die Wiederherstellung einer beschädigten oder gebrochenen Beziehung. Dabei ist zwischen der Versöhnung mit Gott und der Versöhnung unter Menschen zu unterscheiden. Versöhnung bezeichnet dogmatisch den komplexen Vorgang der Wiederherstellung der durch Sünde und Schuld des Menschen zerbrochenen Gemeinschaft mit Gott durch die im Glauben ergriffene Versöhnungswirkung von Leben, Sterben und Auferstehung Jesu Christi, die zur Neuschöpfung der Person vor Gott führt (2 Kor 5,14-21). Die christliche Heilsbotschaft ist in ihrem Kern Botschaft von der Versöhnung. Zwar ist das Heil nicht eingeschränkt auf Versöhnung im Sinne von Schuldaufhebung. Es umfasst die Wiedergeburt, die Heiligung, den Sieg Gottes über die Mächte des Verderbens, die Zukunft des Lebens im Reiche Gottes. Aber das Geschehen der Versöhnung ist die Wurzel aller dieser Lebensfrüchte. Versöhnung setzt voraus, dass alles Unheil, um dessen Überwindung es in der christlichen Heilsbotschaft geht, in schuldhafter Zerstörung der Gemeinschaft mit Gott gründet (Sünde). Mit seiner Abkehr aus der Gemeinschaft mit Gott begibt sich der Mensch unter Gottes Zorn, denn Gott geht über die Sünde nicht gleichgültig hinweg, sondern stellt sie unter den Ernst seines Gerichtes. Zornloses Übersehen der Sünde würde nicht Liebe, sondern nur gleichmütige Erhabenheit des unendlich überlegenen Gottes bedeuten. Der Mensch kann nun nicht aus eigenem Entschluss in das Gemeinschaftsverhältnis mit Gott zurückkehren. Denn mit seiner Auflehnung hat er sich unter die Bindung an die Sünde begeben, die ihn festhält. Nur der souveräne Wille Gottes hat Recht und Macht, die Verhaftung unter die Sündenmacht aufzulösen. Gott allein ist der Versöhnende. Gott wirkt Versöhnung aber nicht so, dass er in einer Art von „Umbesinnung“ seinen Widerspruch gegen die Sünde und das Recht seines Gerichtes einfach beiseite setzte. Das wäre für den Menschen nicht Versöhnung, sondern bloße Erleichterung und Erlaubnis zu beruhigtem Vergessen. Versöhnung geht aber durch das Anerkennen der Schuld hindurch. Indem Gott Versöhnung wirkt, lässt er seine Liebe zu den Menschen mächtiger werden als ihren Widerspruch und sein begründetes Gericht. Das Heilswirken Gottes und so besonders das Geschehen der Versöhnung ist in der Sendung Jesu verwirklicht, und zwar in seinem Sterben, in dem seine Sendung auf Erden vollendet und in dem seine Auf-erweckung der zu ewigem Leben mit Gott Versöhnten begründet ist.

Die erste Sünde war die Abschüttelung der Königsherrschaft Gottes, Verletzung der Freundschaft mit Gott und Verlust des übernatürlichen Lebens, Verrat der Liebe, Täuschung und Enttäuschung. Die Situation, die durch den Bruch des Vertrauens und die Verletzung der Ehre Gottes entstanden ist, kann von dem Frevler selbst nicht geändert werden. Er kann bereuen und sühnen. Aber damit ist es nicht getan. Damit eine zerstörte Freundschaft wieder geknüpft wird, eine verratene Liebe von neuem aufglüht, muss der Verratene selbst kommen und sagen: Es soll wieder gut sein. Auf dass es nach der zerstörten Freundschaft mit Gott von neuem zu ihr kommen kann, muss Gott nicht bloß wie ein menschlicher Freund zu dem in Reue ihn suchenden Herzen sich neigen, sondern in einem schöpferischen Spruch Verzeihung gewähren und die erstorbene Liebe im menschlichen Herzen neu entfachen. Tatsächlich holt Gott die in die Irre gegangene Menschheit wieder heim ins Vaterhaus, und zwar durch die Tat: Er ging ihr nach, setzte sich selbst in der menschlichen Geschichte gegenwärtig, nahm das menschliche Schicksal aus sich, trug das menschliche Elend und überwand es von der Wurzel her. Das geschah in der Menschwerdung des Sohnes Gottes. Diese Weise der Versöhnung ist ein unergründliches Geheimnis der göttlichen Liebe. Gott wollte durch die Menschwerdung seines Sohnes seine Herrlichkeit (die durch die Sünde verdunkelt war) in neuem Glanz aufscheinen lassen. Ebenso wollte er das Grauen der Sünde und die Tragweite der menschlichen Verantwortung zeigen. Gottes Herrlichkeit wird durch die Menschwerdung in einer (für den Gutwilligen) unübersehbaren Weise geoffenbart als Liebe und Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Weisheit. Gottes Liebe wird in der Menschwerdung und im Tode des Gottessohnes anschaulich, greifbar, glaubhaft, geschichtsmächtig. Die im gekreuzigten Gottessohn verwirklichte Liebe Gottes kann nicht mehr übersehen werden. Das Höchste und Größte ist die geopferte Liebe. Es ist Glaubenssatz: Christus hat durch die freiwillige Hingabe seines Lebens am Kreuz ein wahres und eigentliches Opfer dargebracht und dadurch die gefallene Menschheit mit Gott wieder ausgesöhnt.

Die objektiv geschenkte Versöhnung bedarf der Zueignung an den Menschen. Der Mensch muss in Kontakt treten mit dem Versöhnungsopfer am Kreuze. Zu diesem Zweck hat Christus das eucharistische Opfersakrament eingesetzt. Wie das Kreuzesopfer ist das Messopfer ein Opfer der Versöhnung. Es ist ein wirkliches Sühneopfer und bewirkt, dass wir „Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden“ (Hebr 4,16). Versöhnt durch die Darbringung dieses Opfers, gibt der Herr die Gnade und die Gabe der Buße. Das Messopfer ist der katholischen Kirche anvertraut. Diese Kirche ist als ganze und in ihren Grundvollzügen Sakrament und Ort der Versöhnung. Sie besitzt ein eigenes Mittel der Versöhnung. Das Bußsakrament ist das Sakrament der Versöhnung. In ihm wird die in Christus erfolgte (objektive) Versöhnung dem Menschen zugewendet.

Versöhnung hat auch eine ethische Seite. In dieser Hinsicht bezeichnet Versöhnung den Vorgang der Wiederherstellung eines durch Schuld, Feindschaft und Hass zerstörten Verhältnisses zwischen Personen und Gruppen. Das Werk der Versöhnung ist in Jesus Christus ursakramental vollbracht. Es will sich aber in den Wirklichkeiten dieser Welt versöhnend aus-wirken. Die von Gott gewährte Versöhnung mit ihm fordert und ermöglicht zugleich ein entsprechendes neues Verhältnis der Menschen untereinander. Als Überwindung einer schuldbelasteten Vergangenheit erfordert Versöhnung von den Konfliktparteien die Bereitschaft, Vergebung zu erbitten und zu gewähren. Versöhnung hat somit auf beiden Seiten eine tiefgreifende Veränderung von innen her zur Voraussetzung, seitens der Täter die Abkehr von der Gesinnung, in der die Tat erfolgte (Reue), seitens der Opfer der Verzicht auf Rache (Verzeihung). Versöhnung kann erst dann gelingen, wenn die Täter durch Schuldeinsicht und Reue zum Bekenntnis der Schuld und (soweit möglich) zu Akten der Wiedergutmachung geführt werden, und wenn sich andererseits die Opfer bereit finden, das ihnen zugeführte Unrecht nicht zu vergelten und nachzutragen, sondern zu vergeben. Es geht also nicht bloß um Wiedergutmachung des Schadens, sondern um viel mehr: Die Beziehung soll wieder aufgenommen bzw. geheilt werden. Der ethisch geprägte Gedanke einer zwischenmenschlichen Aussöhnung wird im Neuen Testament mehrfach erwähnt (1 Kor 7,11, Mt 5,24, Apg 7,26). Der Apostel Paulus empfiehlt die eheliche Versöhnung im Zusammenhang mit dem Verbot der Wiederverheiratung. Falls sich zwei Verheiratete getrennt haben, sollen sie sich versöhnen. Auseinandergehen mit der Absicht, eine neue eheliche Verbindung zu begründen, ist unchristlich. Der Herr selbst betont den Vorrang der Versöhnung mit dem Bruder vor der Darbringung des Opfers: „Wenn du deine Gabe zum Altar bringst und du dich dort erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altare und geh hin und versöhne dich zuvor mit deinem Bruder. Dann komm und opfere deine Gabe.“

Versöhnung bedeutet Wiederherstellung des früheren, durch das Liebesgebot geforderten Verhältnisses. Wenn nur einer der Entzweiten Unrecht getan hat, so ist dieser verpflichtet, um Verzeihung nachzusuchen; der andere Teil muss alsdann die Verzeihung gewähren. „Wenn dein Bruder wider dich gesündigt hat, so weise ihn zurecht; und wenn er Buße tut, so verzeihe ihm. Und sollte er siebenmal am Tag gefehlt haben…, verzeihe ihm!“ (Lk 17,3f.) Es gehört zu den Werken der geistlichen Gerechtigkeit, Beleidigungen gern verzeihen. Haben beide Teile gesündigt, so muss der Regel nach derjenige den ersten Schritt tun, der am schwersten gefehlt hat. Wenn dies nicht klar ist, der, welcher zuerst beleidigt hat. Die wahre Liebe wird freilich in solchen Fragen nicht engherzig sein, sondern gern das Geratene und Großmütige tun, um den Endzweck, die Überwindung des Bösen durch das Gute und die Gewinnung der Seele des Nächsten, wirksam zu erreichen.

Versöhnung spielt in der Gesellschaft, im Volke und zwischen den Völkern eine Rolle. Die Politik meidet im Allgemeinen das Wort Versöhnung; es kling ihr wohl zu religiös. Man spricht von Vergangenheitsbewältigung. Darunter versteht man das Bemühen, begangenes Unrecht aufzuklären, möglicherweise zu sühnen oder wieder gutzumachen. Vergangenheitsbewältigung verzichtet auf metaphysische Rechtfertigungen wie auf den Gedanken göttlicher Gerechtigkeit oder Rache. Sie bezieht sich allein auf innerweltliches Handeln. Vergangenheitsbewältigung rechnet nicht mit Gott. Diese Auslassung ist ihr schwerster Fehler. Christliche Politiker wollen mehr als Vergangenheitsbewältigung, mehr als Entspannung, Friedenssicherung und Verständigung. Sie wollen Aussöhnung der Völker; sie ersehnen Freundschaft. Auf diesem Gebiet ist zwischen Deutschland und seinen Nachbarn viel geschehen. Er sei vor allem an die Bemühungen mit Frankreich und Polen erinnert. Mit der Unterzeichnung des Deutsch-Französischen Vertrages vom 22. Januar 1963 durch Charles de Gaulle und Konrad Adenauer erreichte die Politik der deutsch-französischen Aussöhnung einen Höhepunkt. Er sah eine ständige Konsultation und eine dauerhafte Zusammenarbeit vor. Der deutsch-polnische Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit vom 17. Juni 1991 dient – unter ausdrücklicher Bezugnahme auf den genannten deutsch-französischen Vertrag – ebenfalls der Aussöhnung beider Nationen. Der deutsch-sowjetische Vertrag über gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit vom 9. November 1990 bezweckt ebenso die Aussöhnung zwischen Deutschland und den Völkern der Sowjetunion. Verträge dieser Art sind nützlich, notwendig, ja unentbehrlich. Wichtiger noch ist es, in den Regierenden und in den Völkern die Gesinnungen zu schaffen, die ihnen entsprechen. Die Herzen müssen von Misstrauen, Groll, Geringschätzung und Ablehnung gereinigt werden. Auch die katholischen Bischöfe haben wiederholt ihre Bitte um Vergebung vergangener Schuld und gleichzeitig ihre eigene Vergebungsbereitschaft ausgesprochen. Versöhnliche Erklärungen von Bischofskonferenzen sind gut gemeint und nützlich. Sie geben den willigen Gläubigen Richtung und Halt. Die entkirchlichten Massen werden sie weniger akzeptieren. Die Versöhnung zwischen den einzelnen Gliedern des jeweiligen Volkes bleibt die Aufgabe der Individuen. Begegnungen und Zusammenarbeit vermögen die Annahme und die Wertschätzung der Fremden zu fördern oder zu belasten. Es kommt hier wie überall auf das eigene, unvoreingenommene Wahrnehmen und die Bereitschaft zur Selbstkritik an. Der Bürgermeister von Velsen (Holland) hatte im letzten Krieg den Schwur abgelegt, nie wieder mit einem Deutschen zu reden. Als junge Deutsche und Engländer 1958 sich an dem Ort zu einer Zusammenkunft trafen und von dem Bürgermeister empfangen wurden, lehnte dieser es ab, die Deutschen zu begrüßen. Er wurde getadelt von der katholischen Volkspartei, auch der Gemeinderat entschuldigte sich. Der Bürgermeister berichtete aber, er habe viele zustimmende Briefe aus dem Lande erhalten.

Versöhnliche Gespräche und Erklärungen zwischen den christlichen Konfessionen und den nichtchristlichen Religionen nehmen seit vielen Jahrzehnten einen breiten Raum im internationalen Diskurs ein. Auf katholischer Seite erreichten sie eine neue Dimension und einen Höhepunkt mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Dort wurden das Dekret über den Ökumenismus und die Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen verabschiedet. Dabei ist der Umgang miteinander von der dogmatischen Grundlage zu unterscheiden. Den getrennten Christen ist mit christlicher Nächstenliebe sowie mit uneingeschränkter Achtung und Wertschätzung zu begegnen. Sofern sie gläubig sind, leben sie aus dem christlichen Erbe, das ihre religiösen Lehrer aus der Trennung von der katholischen Kirche mitgebracht haben. Es gibt viele evangelische Christen, die mit ihrem Glauben und ihrer Tugend Anerkennung und Respekt verdienen. Unser Bestreben muss darauf gerichtet sein, den getrennten Christen durch Wort und Lebenswandel zur Rückkehr in das Vaterhaus zu verhelfen. Konvertiten gehören häufig zu den vorbildlichsten katholischen Christen. Anders steht es, wenn es um die Lehre geht. Die Kluft zwischen dem Bekenntnis der katholischen Kirche und den religiösen Anschauungen der getrennten Christen ist unüberbrückbar. Die sogenannten Reformatoren haben den Bruch zwischen ihnen und der katholischen Kirche bewusst gewollt und vorgenommen. Luther, Kalvin und Zwingli haben unaufgebbare, konstitutive Lehren der katholischen Kirche, Dogmen, die mit göttlichem Glauben anzunehmen sind, verworfen. Von da führt keine Brücke zum Glauben der Kirche. Eine Vereinigung im Glaubensinhalt und in der Organisation ist ausgeschlossen, wenn die Denkgesetze (Prinzip vom Widerspruch, Prinzip vom ausgeschlossenen Dritten) in Geltung bleiben sollen. Menschen kann man versöhnen. Kontradiktorische Gegensätze lassen sich nicht versöhnen. Entweder gibt es ein Weihepriestertum oder es gibt keines. Eine dritte Möglichkeit scheidet aus. Wo immer Versöhnung angestrebt und gesucht wird, so wird es doch jederzeit entscheidend sein, dass die Menschen im Frieden mit Gott sind. Wer diese grundlegende Versöhnung erreicht hat, wird in seiner Umgebung ernstlich um Aussöhnung bemüht sein. Das Buch von der Nachfolge Christi lässt Jesus sprechen: Alle wollen Frieden haben, aber das, was allein wahren Frieden schaffen kann, das wollen nicht alle. Mein Frieden kehrt bei denen ein, die sanftmütig und demütig und es von ganzem Herzen sind. Dein Frieden wird in vieler Geduld bestehen. Bewahre du zuerst Frieden in dir selbst, dann kannst du auch anderen Frieden bringen.

Amen. 

 

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