Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
Gericht
5. Juli 2020

Straft Gott? II

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Die Kirche hat die Belehrung über Sünde des Menschen und Strafe Gottes in der Offenbarung systematisch zusammengefasst. Die kirchliche Lehre von den Sündenstrafen ist enthalten in der Lehre von der Erbsünde und dem Bußsakrament sowie vom Ablass, aber auch in der Lehre von der Hölle und dem Fegfeuer. Sie Sünde hat eine doppelte Folge. Die schwere Sünde beraubt uns der Gemeinschaft mit Gott und macht uns dadurch zum ewigen Leben unfähig. Diese Beraubung heißt ewige Sündenstrafe. Sodann zieht jede Sünde eine schädliche Bindung an die Geschöpfe nach sich, was der Läuterung bedarf, sei es hier auf Erden, sei es im jenseitigen Läuterungszustand. Diese Läuterung befreit von den zeitlichen Sündenstrafen. Der würdige Empfang des Bußsakramentes bewirkt die Nachlassung der Schuld und die Befreiung von der Verdammnis, der ewigen Strafe. Doch die Tilgung der Schuld bringt nicht immer notwendig die Vergebung von zeitlichen Sündenstrafen mit sich.

Gott straft schon im Diesseits vielfach die Sünden und vergilt im Jenseits endgültig die Auflehnung gegen seinen heiligen Willen. Gott kann die Sünde auf mannigfache Weise strafen. Einmal straft sich der Sünder selbst. Er beschädigt oder zerstört die Gemeinschaft mit Gott und den Menschen. Er schwächt das Vermögen, Gutes zu tun. Er verstärkt in sich die Neigung zum Bösen. Die begangene Sünde drängt auf Wiederholung. Zum anderen kann Gott die Kräfte der Natur und der Menschen erwecken, den Sünder zu peinigen. Die Kirche rechnet mit solchen Strafen. Sie betet seit 2000 Jahren: „Vor Pest, Hunger und Krieg erlöse uns, o Herr.“ Es gibt keine eindeutigen Erfahrungen Gottes im Zeitgeschehen. Gott kann in der Geschichte nicht mit Sicherheit festgestellt werden, so dass man sagen könnte: Hier ist er, dort ist er nicht. Falsch ist die Meinung, dass man von einem Ereignis der Geschichte mit Sicherheit sagen könnte, Gott sei darin gänzlich abwesend. Ebenso verkehrt ist die gegenteilige Ansicht, dass in einem geschichtlichen Ereignis klar und bestimmt Gottes Stimme und Anruf vernommen werden könne. Aber wir dürfen und sollen fragen, was bestimmte Geschehnisse nach Gottes vermeintlichem Willen bedeuten und uns sagen sollen. Ich habe keine Gewissheit, dass die Pandemie Corona-Virus eine Strafe Gottes ist. Aber ich halte es für möglich. Gott ist heilig und gerecht. Er straft den Aufstand der Menschheit gegen ihn.

Wir gingen in unseren Überlegungen aus von der Behauptung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, die Pandemie, welche die ganze Erde überzogen hat, sei „gewiss“ keine Strafe Gottes. Eine solche Aussage ist unmöglich. Es ist ausgeschlossen, kategorisch zu erklären, eine Geschehnis, ein Unfall oder eine Tragödie, eine Seuche sei keine Strafe Gottes. Die solches tun, maßen sich an, im Rate Gottes zu sitzen. Das tun Vertreter beider Konfessionen unentwegt. Niemand hat sie dazu ermächtigt. Es ist aber auch unzulässig, mit Bestimmtheit zu behaupten, ein Vorfall, ein Umstand, ein Zwischenfall sei eine Strafe Gottes. Wir kennen das Wesen und die Eigenschaften Gottes. Wir wissen um seinen Willen, den er uns in der Naturordnung und in der Offenbarung kundgetan hat. Danach dürfen wir wagen, Ereignisse der Geschichte zu deuten. Die endgültige Feststellung, wieweit geschichtliche Ereignisse Gottes Auftrag und Werk sind, kann von niemand anderem als von Gott selbst getroffen werden. Er trifft sie im Jüngsten Gericht. Das Jüngste Gericht ist die letzte Instanz und die einzige Instanz. Es ist die einzige Zuversicht, die uns Menschen bleibt, deren Schicksal es ist, unseren verantworteten Beitrag zur Geschichte zu erbringen.

Der jüdische Historiker Michael Wolffsohn wirft den Kirchenvertretern vor, angesichts der Seuche nicht die Grundfrage des Seins gestellt zu haben, nämlich: ist so etwas gottgewollt? Warum sind Kirchenvertreter in ökumenischer Gemeinsamkeit so eifrig bemüht, zu erklären, die Pandemie sei keine Strafe? Sind sie der Meinung, dass in ihren Gemeinden und Religionsverbänden nichts Strafwürdiges geschieht? Kennen sie noch die Lasterkataloge des Apostels Paulus, wo die Sünden aufgeführt sind, die vom Reiche Gottes ausschließen, also ewiger Strafe gewärtig sein müssen? An die Gemeinde in Korinth schreibt der Apostel Paulus: „Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, noch Ehebrecher, noch Lüstlinge, noch Knabenschänder, noch Diebe, noch Geizige, noch Säufer, noch Lästerer, noch Räuber werden das Reich Gottes besitzen“ (1 Kor 5,9f.). Gibt es das alles nicht in unseren Städten und Dörfern, in unseren Ländern und in allen Kontinenten? Wollen die Bischöfe und Kirchenpräsidenten vielleicht vertuschen, dass die Sünden der Einzelnen und der Völker zum Himmel schreien? Und dass sie gegen das wuchernde Laster nichts oder wenig getan haben? Hat der evangelische Landesbischof von Bayern nicht die homosexuellen Pfarrer aufgefordert, sich froh und fröhlich in den Pfarrhäusern zu vergnügen? Wehren die Bischöfe vielleicht deswegen die Annahme ab, es könne sich bei der Pandemie um eine Strafe Gottes handeln, weil sie andernfalls sich bekehren und von ihren falschen Wegen – wie dem Synodalen Vorgang – ablassen müssen?

Jesus hielt den Pharisäern vor, sie wüssten das Aussehen des Himmels und die Aussichten des Wetters zu deuten, aber in die Zeichen der Zeit könnten sie sich nicht finden (Mt 16,3). Das Zweite Vatikanische Konzil spricht an vielen Stellen von den Zeichen der Zeit. Das Konzil erklärt, der Kirche obliege die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten (GS Nr. 4). Die Priester werden aufgefordert, die Zeichen der Zeit zu verstehen (PO Nr. 9). Ich versuche, dieser Einladung nachzukommen. Welches sind die Zeichen unserer Zeit? In fünfzig Ländern der Erde werden Christen blutig verfolgt, Missionare getötet, Gotteshäuser niedergebrannt, Bekehrungen zum Christentum mit Strafen bis zur Todesstrafe geahndet. Indessen geht in den ehemals christlichen Ländern der Abfall vom Glauben mit Riesenschritten voran. Frankreich und Spanien werden von linken politischen Kräften zuerst der Entsittlichung, dann der Entchristlichung unterworfen. In Deutschland erklären jedes Jahr Hunderttausende den bürgerlichen Kirchenaustritt. Zum ersten Mal ist im Jahre 2019 die Zahl der ausgetretenen Katholiken höher als der Protestanten. Ein evangelischer Autor führt dies auf die Anpassung der katholischen Kirche an den Protestantismus zurück. Lateinamerika hat aufgehört, ein katholischer Kontinent zu sein. Im Jahre 1970 waren 92 Prozent der Bewohner Katholiken. Heute sind es noch etwa 50 Prozent. Millionen sind abgefallen zum Protestantismus. In Honduras sind 39 Prozent der Einwohner Protestanten und nur noch 37 Prozent Katholiken.

Die katholische Theologie, einst als Glaubenswissenschaft bezeichnet, ist weithin ein Tummelplatz von Systemveränderern und Protestantisierern geworden. Seit 200 Jahren geht von der sogenannten Bibelwissenschaft eine systematische Zerstörung des christlichen Glaubens aus. Vom protestantischen Bereich schwappte die Woge in den katholischen Raum über. Joseph wird zum biologischen Vater Jesu erklärt. Jesus sei nicht in Bethlehem geboren, erklärt der Kardinal Kasper, Berater des Papstes. In einer katholischen Bildungsstätte stellte der Vortragende, ein katholischer Priester, die Bibel als eine zufällige Sammlung beliebiger Bücher dar. Die Gottessohnschaft Jesu wurde als „nachösterliches Interpretament“ ausgelegt, die Jungfrauengeburt als ganz normale Geburt durch eine junge Frau. Was die Wunder betrifft, so weiß man nicht genau, wie es nun wirklich war; wahrscheinlich waren diese Zeichen „überhöhte Markenzeichen“ eines Menschen, der den Anspruch erhebt, Messias zu sein. Immer mehr Katecheten und Seelsorger verlassen den Boden der katholischen Lehre und verkünden einen Gott, den Menschen nach ihrem Bilde geschaffen haben. Die Dreieinigkeit und die Transsubstantiation fallen unter den Tisch. Der wahre lebendige Gott verschwindet aus dem Horizont der Menschen. Der ehemalige Theologieprofessor Gotthold Hasenhüttl prägte die Formel: Gott ereignet sich in der menschlichen Liebe. Der Herr bildete mit Billigung seines Bischofs jahrzehntelang Religionslehrer aus. Die katholische Moraltheologie ist zusammengebrochen. Die hochbesoldeten Moraltheologen haben die meisten Bischöfe mit ihren Verirrungen angesteckt. Im Hinblick auf die Empfängnisverhütung verweigerten die Bischofskonferenzen vieler Länder Papst Paul VI. die Gefolgschaft und geben die 2000jährige Lehre der Kirche auf. Der verbindliche Maßstab der Sexualität, die gottgeschaffene menschliche Natur, ist zerbrochen. An die Stelle der ewig gültigen Normen sind die permissiven Empfehlungen des Hedonismus und der Promiskuität getreten. In der Gesellschaft wird die Gender-Ideologie durchgesetzt. Jeder kann sich das Geschlecht aussuchen, das ihm gefällt. Aus einem Mann kann eine Frau werden und aus einer Frau ein Mann. Die Homosexuellenbewegung ist der Motor der globalen sexuellen Revolution. Der Begriff des Normalen wird tabuisiert und unter Ideologieverdacht gestellt. Die politische Macht betreibt die Entsittlichung: Das Gute wird böse und das Böse gut genannt. Die verpflichtende Sexualerziehung in der Schule führt Kinder und Jugendliche in hedonistische Sexualität ein. Der Zustand unserer Gesellschaft ist geprägt durch Millionen zerbrochener Familien, alleinerziehender Väter und Mütter, Kinder und Jugendliche mit tiefen seelischen Wunden, Millionen missbrauchter Kinder. Dazu kommt die millionenfache Tötung von Kindern im Mutterleib. In Frankreich jedes Jahr 200 000. Die Zahl der intakten, kinderreichen Familien ist auf ein Minimum gesunken. Die Priesterseminare in den meisten europäischen Ländern stehen leer. Der Priestermangel wächst sich zu einer Katastrophe aus. Der Besuch der Gottesdienste ist auf ein historisches Tief gesunken. In Holland hat die Zahl der Kirchgänger von 60% auf weniger als 5% abgenommen. 51% der Bevölkerung sind konfessionslos. Die katholische Kirche befindet sich in der tiefsten Krise ihrer Geschichte. Es ist die Krise der Selbstzerstörung.

Die Wahrheit, das Bekenntnis zur Wahrheit und die Verkündigung der Wahrheit in den religiösen und ethischen Fragen werden abgelehnt. Wer an der Wahrheit festhält, gilt als intolerant. Dem Wahrheitsrelativismus gilt die Entschlossenheit, die Wahrheit zu beanspruchen, als Intoleranz. Anpassung an die aus den Fugen geratene Welt wird verlangt. Wer vom Mainstream der veröffentlichten Meinung abweicht, wird nicht widerlegt, sondern geächtet. Ein neuer Totalitarismus zeichnet sich ab, der im Namen der Freiheit die Freiheit zerstört.

Ich habe nur wenige Gegenstände aufgeführt, die geeignet sind, als Zeichen der Zeit erkannt zu werden. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man feststellt, dass die Menschheit im weitesten Ausmaß vom Willen Gottes und vom Weg seiner Gebote abgeirrt ist und sich laufend immer mehr davon entfernt. Dafür hat sie Strafe von Gott verdient. Wie Gott straft, ist seiner Weisheit überlassen. Ob ein bestimmtes Widerfahrnis eine Strafe Gottes ist, weiß Gott allein. Wenn er es nicht eigens offenbart und durch erwählte Boten den Menschen mitteilt, haben wir keine unmittelbare Kenntnis davon, dass bestimmte Geschehnisse Strafen Gottes sind. Aber wir kennen Gottes Wesen, wissen um seinen Abscheu vor Sünde und Laster. Ist es abwegig, anzunehmen, die über die ganze Erde hereingekommene Pandemie sei eine Strafe Gottes? Verstehen Sie mich recht: Ich weiß es nicht, ob die Seuche globalen Ausmaßes eine Strafe Gottes ist, und ich behaupte nicht, es zu wissen. Aber ich halte es für möglich. Wenn Gott nicht mit Krankheiten und Seuchen straft, warum hat die Kirche seit 2000 Jahren gebetet: „Vor Pest, Hunger und Krieg bewahre uns, o Herr?“ Einmal angenommen, die Pandemie sei keine Strafe Gottes. Ist sie dann vielleicht eine Warnung und eine Mahnung? Könnte es nicht sein, dass Gott uns das „Weiter so, wie bisher“ abgewöhnen und uns an die Aufforderung des Apostels Paulus erinnern will: „Macht euch nicht die Art der Welt zu eigen, sondern wandelt euch um durch Erneuerung eures Denkens, um zu erforschen, was Gottes Wille ist“ (Röm 12,2)? Geistig und sittlich hochstehende Personen versichern mir: „So kann es nicht weitergehen.“ Sie meinen damit das wüste Treiben einer außer Rand und Band geratenen Gesellschaft, aber auch die Selbstzerstörung der Kirche durch verirrte Theologen, unfähige Hirten und aufsässige Kirchenglieder. Sollte die Seuche nicht Anlass sein, uns zu bekehren? Die dringend notwendige Wende von der Gottvergessenheit zum Gehorsam gegen Gott vorzunehmen? Wäre es nicht an der Zeit, in der Kirche die längst überfälligen Maßnahmen zu treffen? Welche denn? Nun zum Beispiel das unselige Zentralkomitee der Katholiken aufzulösen? Aufzuhören mit Eucharistiefeiern, in denen das Geheimnis Gottes in Anbetung und Ehrfurcht nicht mehr zu spüren ist? Bischöfe von ihren Stühlen herunterzuholen, die geoffenbarten Glaubenswahrheiten widersprechen und die Weihe von Frauen zu Priestern fordern? Der Apostel Petrus erinnert in seinem zweiten Brief an die Städte Sodoma und Gomorrha. Gott hat sie zur völligen Vernichtung verurteilt und in Asche gelegt zum warnenden Beispiel für künftige Frevler. Lassen wir uns warnen?

Amen. 

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