Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
15. August 1993

Freue dich, Jungfrau Maria

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Geliebte, zur Festfeier der Aufnahme Mariens in den Himmel Versammelte!

„Freue dich, Jungfrau Maria, denn alle Irrlehren auf der ganzen Erde hast du allein überwunden.“ So singt die Kirche an den Marienfeiertagen und natürlich mit besonderer Kraft am Feste der Aufnahme Mariens in den Himmel. „Freue dich, Jungfrau Maria, denn alle Irrlehren auf der ganzen Erde hast du allein überwunden.“

Da kann einem der Gedanke kommen: Wird nicht hier Maria zuviel zugesprochen? Hat nicht hier der fromme Überschwang die nüchterne Überlegung übermächtigt? Wird vielleicht gar hier ihrem Sohne Jesus Christus etwas entzogen? In welchem Sinne kann man diesen Jubelgesang richtig verstehen: „Freue dich, Jungfrau Maria, denn alle Irrlehren auf der ganzen Erde hast du allein überwunden“? Was hat Maria mit den Irrlehren zu tun, und wie kann sie die Überwinderin der Irrlehren genannt werden? Wenn wir den Jubelruf der Kirche verstehen wollen, müssen wir uns erinnern, daß Maria die Mutter ist. Man hat unendlich viele Namen für Maria erfunden, und sie sind alle richtig, aber es gibt keinen schöneren und keinen erhabeneren Namen als Hä Mäter – die Mutter. Eine Mutter ist die Frau, die ein Kind unter ihrem Herzen trägt, gebiert, pflegt, erzieht, birgt und schützt. Ja, das ist die Aufgabe einer Mutter, ihr Kind zu schützen. Und Maria hat ihr Kind geschützt. Schon in der Nacht der Empfängnis und in der Nacht der Geburt, da hat Maria an den Schutz ihres Kindes gedacht. In Bethlehem hat sie es vor den Unbilden der Witterung bewahrt, und vor dem Verfolger Herodes hat sie es nach Ägypten geflüchtet. Während des irdischen Lebens war sie bedacht darauf, ihren Sohn zu schützen im verborgenen Leben, im öffentlichen Leben. Und als es mit ihm zu Ende ging, da hat sie ihm noch den wunderbaren Schutz gewährt, daß sie zum Troste unter seinem Kreuze stand, daß dem Haß der Feinde die Liebe der Mutter eine Wehr bot. Wahrhaftig, Maria hat ihre Schutzfunktion zeitlebens ihres Sohne wahrgenommen.

Und diese Schutzfunktion hat nicht aufgehört. Maria schützt ihren Sohn weiter durch alle Jahrhunderte dieses Weltlaufes. Und wie schützt sie ihn? Sie schützt ihn, indem sie sich mit ihrer Person vor ihn stellt. Sie schützt ihn, indem sie den Glauben an Jesus mit ihrem eigenen wunderbaren Gewande schützt. Die Mariendogmen, die Glaubenswahrheiten von Maria, sind Schutzdogmen. So wie Maria ihr Kind in der irdischen Laufbahn geborgen hat, so birgt sie die Jesusdogmen, die Jesuswahrheiten, jetzt in der himmlischen Verklärung, und zwar in einer dreifachen Weise. Wenn wir sie als die Gottesmutter bekennen, dann schützt sie die wahre Gottheit Jesu. Wenn wir sie als die unbefleckt Empfangene bekennen, dann schützt sie die universale Erlösungsmacht Jesu. Und wenn wir sie als die in den Himmel Aufgenommene bekennen, dann schützt sie die leibliche, wahrhaftige Auferstehung unseres Jesus.

Die erste Schutzfunktion geht auf die Gottheit Jesu. Sie ist ja immer bedroht. Es gibt viele, die sich katholische Theologen nennen, die glauben nicht an die Gottheit Jesu, die geben Jesus als einen Propheten, als einen Sozialrevolutionär, als einen Bußprediger aus. Aber die beugen nicht ihr Knie vor Jesus, und das tut man eben nur, wenn er wahrer Gott ist. Wer deswegen Maria als Gottesgebärerin bekennt, der bekennt die wahre Gottheit ihres Sohnes. Dieser Titel Gottesgebärerin ist von der Kirche siegreich emporgehoben worden im Jahre 431. Da trat ein Mann auf namens Nestorius. Nestorius lehrte, in Jesus von Nazareth seien zwei Personen, eine göttliche und eine menschliche. Maria habe nur die menschliche Person geboren, und sie dürfe deswegen nicht Gottesgebärerin, sondern sie dürfe nur Christusgebärerin heißen, nicht Theotokos, sondern Christotokos. Dagegen hat sich die Kirche erhoben und in feierlicher Lehrentscheidung in Ephesus im Jahre 431 erklärt: Nein, Maria hat den ganzen Christus geboren, den Gott und Menschen, den Gottmenschen. Deswegen heißt sie nicht nur Christusgebärerin, deswegen heißt sie Gottesgebärerin. Da sehen wir, wie Maria mit ihrem Namen ihren Sohn schützt, wie sie den Glauben an ihren Sohn schützt, wie sie den Glauben an seine wahre Gottheit birgt.

Als im Jahre 1859 in Lourdes, einem kleinen Ort in den Pyrenäen, die Muttergottes armen Kindern erschien, da bekannte sie sich, nach ihrem Namen gefragt, als die Unbefleckte Empfängnis. Die unbefleckte Empfängnis Mariens war 5 Jahre vorher von Papst Pius IX. feierlich als ein Glaubenssatz der Kirche verkündet worden. Er besagt: Maria ist vom ersten Augenblick ihres irdischen Daseins an von der Erbsünde bewahrt worden. Die Erbsünde ist ein dunkles Geheimnis, aber sie ist ein wichtiges Geheimnis. Denn die allgemeine Verfallenheit an die Schuld ist die Voraussetzung dafür, daß ein allgemeiner Erlöser kommen mußte. Alle Menschen werden in die Unheilsnacht, in den Mangel der heiligmachenden Gnade hineingeboren und müssen davon befreit werden. Das geschieht in der Taufe. In der Taufe wird die Erbsünde getilgt, wird dem Täufling die heiligmachende Gnade vermittelt. Auch Maria war erlösungsbedürftig, denn sie gehört ja zu den Nachkommen Adams. Auch Maria mußte erlöst werden. Aber sie wurde anders erlöst als alle übrigen Menschen. Sie wurde nicht von der Erbsünde befreit, sondern sie blieb vor der Erbsünde bewahrt. Sie hatte das debitum contrahendi peccatum originale. Sie stand unter der Notwendigkeit, die Erbsünde sich zuzuziehen; davon gibt es keine Ausnahme. Aber um seine Mutter zu ehren, um sie zu einem würdigen Gefäß des Logos zu machen, wurde sie vor der Erbsünde bewahrt. Das bedeutet natürlich, daß sie auch vor den Folgen der Erbsünde bewahrt blieb, also von der Konkupiszenz, von der Neigung zum Bösen, von der Schwächung des Willens und von der Verunklarung des Verstandes.

Wenn wir Maria als die unbefleckt Empfangene bekennen, dann bekennen wir uns zu der universalen Erlösungsmacht Jesu. Er hat alle ohne Ausnahme erlöst. Er hat auch seine Mutter erlöst. Und dieses Dogma von der Unbefleckten Empfängnis erinnert uns daran, daß Jesus der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen ist, daß er den Schuldschein, der gegen uns lautete, mit seinem Blute am Kreuze ausgelöscht hat, daß er der Heiland der Welt ist, als den ihn die Frau am Jakobsbrunnen in Samaria bekannt hat. Wiederum sehen wir, das Mariendogma von der Unbefleckten Empfängnis schützt das Christusdogma, daß Jesus der universale Erlöser ist.

Immer wieder gibt es Menschen, die an der Auferstehung Jesu rütteln. Nicht wenige Theologen beider Konfessionen suchen das klare Bekenntnis, daß Jesus am dritten Tage leibhaftig auferstanden ist, aus den Angeln zu heben. Sie sagen, das Wort von der Auferstehung ist nichts anderes als eine andere Wendung für die Bedeutsamkeit des Kreuzes. Oder, die Auferstehung bedeute, daß die Sache Jesu weitergehe. In diesen dunklen Formulierungen erkennt sofort der Glaubenssinn, daß hier der Glaube an Jesus, den leibhaftig Auferstandenen, verbogen, ja verleugnet wird. Es ist also notwendig, diesen Glauben zu festigen und zu bekennen, und diesem Zweck dient auch das heutige Fest. Maria ist mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden. Sie ist nicht im Tode verblieben, sondern sie ist zum Leben erweckt worden. Ihr Sohn hat ihr die himmlische Herrlichkeit vor allen anderen in einer Weise geschenkt, auf die alle anderen noch warten, nämlich auf leibhaftige Weise. Das ist es ja gerade. Ein Weiterleben nach dem Tode geben manche zu, aber es geht nicht nur um das Weiterleben der Seele, sondern es geht um die Verklärung des Leibes. An Maria hat sich begeben, was die drei Jünger auf dem Berge Tabor schauen konnten, als Jesus vor ihnen verklärt wurde, als die Gottesherrlichkeit durch seinen Leib hindurchschien und ihnen die Aussicht auf das eröffnete, was einmal am Ende der Zeiten geschehen soll.

An Maria ist das geschehen. Wer deswegen an die Aufnahme Mariens in den Himmel glaubt, der kann an der leibhaftigen Auferstehung ihres Sohnes nicht zweifeln. Wenn an Maria geschehen ist, was Gott in seiner Macht verfügen kann, dann muß natürlich erst recht geschehen sein, was von Jesus von der Kirche seit 2000 Jahren ausgesagt wird: Er ist aus eigener Kraft mit seinem Leibe in die himmlische Herrlichkeit aufgefahren. Darin liegt der Unterschied. Maria ist in den Himmel aufgenommen, weil sie ein Geschöpf ist. Christus ist in den Himmel aufgefahren, weil er aus eigener Kraft diese Überwindung des Todes geleistet hat. Maria ist beschenkt worden mit der leiblichen Aufnahme, Christus hat sie aus eigener Kraft bewirkt.

Wiederum sehen wir,  wie ein Mariendogma ein Christudogma schützt. Wer an die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel glaubt, der kann an der leiblichen Auferstehung unseres Heilandes nicht zweifeln.

Meine lieben Freunde, im 16. Jahrhundert kamen katholische Missionare nach Japan. Das Christentum breitete sich in wunderbarer Weise aus. In wenigen Jahrzehnten war ein Drittel des Volkes bekehrt. Aber da setzte die heidnische Reaktion ein, Martyrerblut floß, viele fielen ab und für Jahrhunderte war es unmöglich, daß ein Missionar Japan betrat. Aber in einigen katholischen Familien hielt sich der Glaube durch. Ohne Priester, ohne Meßopfer, ohne Sakramente hat eine Anzahl von Japanern den katholischen Glauben bewahrt. Als im vorigen Jahrhundert endlich Japan geöffnet wurde, kamen erneut katholische Missionare nach Japan. Aber die Japaner waren mißtrauisch. Sie stellten ihnen drei Fragen, nämlich erstens: Seid ihr Priester ohne Frauen? Zweitens: Untersteht ihr dem Bischof von Rom? Drittens: Verehrt ihr die allerseligste Jungfrau? Als die Missionare diese drei Fragen bejahten, da strömte die Freude aus den Herzen der Japaner. Sie wußten, jetzt hatten sie Missionare ihres Glaubens bekommen.

Meine Freunde, katholisches Christentum ist nicht möglich ohne Bekenntnis zur allerseligsten Jungfrau, zu der Mutter Jesu, zu der Gottesgebärerin, der unbefleckt Empfangenen, der glorreich in den Himmel Aufgenommenen. Dieses Bekenntnis ist unzerreißbar mit dem Jesusbekenntnis verknüpft. In diesem Bekenntnis müssen wir ausharren, in ihm müssen wir leben und müssen wir sterben.

Amen.

Schrift
Seitenanzeige für große Bildschirme
Anzeige: Vereinfacht / Klein
Schrift: Kleiner / Größer
Druckversion dieser Predigt