Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
 
8. Januar 1989

Wir haben seinen Stern gesehen

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Das Fest, in dessen Oktav wir heute noch leben, heißt Epiphanie. Das ist ein griechisches Wort. Es bedeutet so viel wie Erscheinung, Sichtbarwerden, Offenbarwerden, vor allem gesagt von Naturereignissen, wenn die Sonne, die sich hinter Wolken oder in der Dämmerung verborgen hat, hervortritt, aber auch von Menschen; wenn ein König Einzug hält, dann ist das seine Epiphanie, sein Erscheinen, sein Sichtbarwerden, seine Kundmachung vor aller Welt. Und dieser Ausdruck wird nun angewendet auf unseren Herrn und Heiland Jesus Christus. Die Kirche führt drei Ereignisse an, die dieses Sichtbarwerden, das Offenbarwerden der göttlichen Wirklichkeit des Herrn, bewirken, nämlich einmal das Erscheinen der Weisen, dann die Taufe im Jordan und schließlich das Wunder bei der Hochzeit von Kana.

Wir wollen uns heute allein dem ersten Ereignis zuwenden, also der Kundmachung des Heilandes durch die Ereignisse, die mit dem Auftritt der Männer aus dem Osten verknüpft sind. Es treten nämlich drei Zeugen auf, drei Zeugen, die die Wahrheit eröffnen: Dieses Kind ist ein Königskind, auf das die Völker harren. Diese drei Zeugen sind

1. der Stern,

2. die Schrift und

3. die Weisen.

Der erste Zeuge für dieses Kind ist der Stern. „Wir haben seinen Stern gesehen.“ Ein Stern hat das Erscheinen dieses Kindes angekündigt, ein Stern, also ein Naturereignis, höchst passend für den, der der König der Natur, der der König der Welten ist. Wenn der auf der Erde erscheint, der das Sternenheer, die Meere und das Land regiert, dann ist es geziemend, daß ein Stern seine Ankunft kundtut.

Die Wissenschaft hat sich viel mit diesem Stern befaßt. Manche sagen, es sei eine Supernova gewesen, ein neuer Stern, der in die Sichtbarkeit eintrat. Andere denken an einen Kometen und zeichnen deswegen den Stern mit einem Schweif. Kepler, der große Astronom, Mathematiker und Physiker, dachte an einen Wunderstern; denn Kepler war ein gläubiger Mann. In jüngerer Zeit hat man an die Konjunktion, also das Hintereinanderstehen der beiden Planeten Jupiter und Saturn gedacht. Tatsächlich ist diese Konjunktion im Jahre 7 vor Christus dreimal, in einem Jahre dreimal vorgekommen, und das könnte das Verschwinden und Wiederauftauchen des Sternes erklären. Einigkeit über diese Erklärungen ist nicht zu erzielen, aber festhalten müssen wir jedenfalls mit Kepler, daß tatsächlich eine Lichterscheinung, eine wunderbare Lichterscheinung den Weisen den Weg gewiesen hat. „Wir haben seinen Stern gesehen.“ An diesem Stern ist nicht zu rütteln, denn dieser Stern gehört zur Geschichte, zum Sichtbarwerden unseres Herrn und Heilandes.

Als sie den Stern sahen, da empfanden die Weisen aus dem Morgenlande eine überaus große Freude. Ja, der Stern war ihr Führer. Der Stern hat sie geleitet, der Stern hat sie zum Krippenkind gewiesen. Der Stern zeugt für die Qualität dessen, der da in der Krippe liegt. Der Stern ist das Zeichen dafür, daß der Herr der Welten geboren ist.

Der zweite Zeuge ist die Schrift. Die Weisen kommen nach Jerusalem und forschen dort nach dem neugeborenen König. Die Schrift sagt: König Herodes, auf dem Throne sitzend, erschrak und ganz Jerusalem mit ihm. Ja, warum erschrak er denn? Er denkt, da er ein schlechtes Gewissen hatte, sofort an einen Thronprätendenten, an jemanden, der ihm den Thron streitig machen will. Und warum erschrak Jerusalem mit ihm? Nun, wenn Herodes erschrickt, dann müssen auch seine Untertanen erschrecken, denn sie wissen: Dieser Mann ist zu allem fähig. Von ihm ist nichts Gutes zu gewärtigen. Deswegen erschrickt Jerusalem mit ihm. Er läßt die Schriftgelehrten zusammenrufen, um aus der Schrift zu erfahren, wo der neugeborene König, den er sofort als den Messiaskönig identifiziert, geboren werden solle. Tatsächlich, die Schriftgelehrten wissen Bescheid. Sie ziehen die Schriftrollen des Propheten Michäas heraus, und da steht: „Und du, Bethlehem Ephrata im Lande Juda, bist zwar die kleinste unter den Gauen, unter den Fürstenstädten Judas, aber aus dir wird hervorgehen, der mein Volk regieren soll.“ Das ist die Ankündigung der Geburt des Messiaskönigs. Die Schrift hat dieses Kind vorhergesagt. Das ist keinem König und keinem Großen dieser Erde geschehen, daß die Schrift selber, daß der Prophet, in göttlicher Inspiration redend, die Geburt und die Qualität eines solchen Königskindes angibt. Beim Propheten Michäas, viele Jahrhunderte vorher, bevor der König erschien, ist diese Weissagung erfolgt.

Und wir wissen ja nicht nur dies. Es reiht sich Weissagung an Weissagung über dieses Kind, über sein Schicksal, über sein Leben, über sein Sterben, über seine Erlösung, über seine Auferstehung. Das alles ist vorherverkündet. Und das hat Gott noch mit keinem Menschenkinde, mit keinem Königskinde je auf dieser Erde getan, nur mit diesem, das da in Bethlehem im Lande Juda geboren werden solle. Die Schrift, der Mund der Propheten bezeugt die einzigartige Qualität dieses Kindes.

Dieser Knabe ist der König der Zeiten, und das wird durch diese Prophezeiung uns kundgemacht. Lange, lange, bevor dieses Königtum sichtbar wurde, hat Gott sein Erscheinen vorhergesagt. Denn er ist Der König der Zeiten.

Er ist aber auch drittens der König der Herzen, denn es tritt ein dritter Zeuge, ja eine ganze Zeugenschaft auf, nämlich die Magoi, die Männer aus dem Osten. Magoi nennt sie die Heilige Schrift, Magier. Wir haben darunter wahrscheinlich priesterliche Gelehrte zu verstehen. Beides ist ihnen vermutlich zu eigen, die Priesterwürde, natürlich im Heidentum, und das Gelehrtentum. Sie waren Männer, welche die Sterne beobachteten und aus den Sternen Erkenntnis bezogen. Sie wußten die Sterne zu deuten. Freilich müssen wir annehmen, daß ihre Deutung häufig mit vielen Irrtümern vermischt war, aber diesmal hat ihre Auslegung der Bewegungen der Gestirne sich als richtig erwiesen. „Wir haben seinen Stern gesehen.“

Die Heimat dieser Männer ist der Osten. Man hat an zwei Länder gedacht, an Persien und an Arabien. Die wahrscheinlichere Deutung ist das Partherreich, also Persien. Für Arabien spricht die Art der Gabe, denn in Arabien sind Weihrauch, Gold und Myrrhe zu Hause. Aus welchem Lande auch immer die Weisen gekommen sind – ihre Gaben enthalten eine Botschaft. Weihrauch brennt zur Ehre Gottes. Sein Geruch ist der Duft des Opfers. Und wenn diesem Kinde Weihrauch dargebracht wird, dann bedeutet das, daß die Magier ihm huldigen als dem wahren Gott. Gold ist wegen des Wertes das Zeichen für Reichtum, und Reichtum ist bei den Königen. Deswegen deutet das Gold auf das Königtum dieses Kindes, auf seine Herrschaft. Und die Myrrhe ist ein Gewürz, das man auch zum Einbalsamieren von Leichnamen verwendet. Und so scheint diese dritte Gabe auf sein Begräbnis, auf seinen Heilstod zur Erlösung der Menschen zu deuten. Sie brachten das Kostbarste, was sie hatten, Gold, Weihrauch und Myrrhe. Aber freilich noch viel kostbarer war das, was sie aus ihren Herzen ihm darbrachten, nämlich ihre Huldigung. Sie beteten ihn an, sie verehrten ihn kniefällig, diese wunderbaren Männer.

Wir dürfen uns durch unsere deutschen Krippen nicht zu der Meinung verleiten lassen, die Begegnung habe noch in dem Stall stattgefunden. Das war längst vorbei. Die Schrift sagt ja ausdrücklich oikia. Der Stern blieb stehen über einer oikia, d.h. über einem Hause. Also zwar befand sich das Kind noch in Bethlehem, aber es war inzwischen übergesiedelt in ein Haus. Die Begegnung mit den Weisen ist ja auch nicht etwa sofort nach der heiligen Nacht erfolgt, sondern nach einem Zwischenraum von etwa einem Jahr. Etwa ein Jahr ist vergangen, bis die Weisen nach einer langen, beschwerlichen Reise vor das Krippenkind traten. „Sie knieten nieder, sie beteten es an, sie huldigten ihm.“ Stellen die Hirten die einfachen, die einfältigen Menschen dar, die zum Krippenkind eilen, dann die Magier die Weisen, die Welt der Gebildeten. Sind die Hirten sinnbildlich für das Volk Israel, dann die Weisen für die Heidenwelt, also auch für uns. Sie sind unser Vorbild, und wir müssen mit demselben Sinne wie die Weisen zum Krippenkind eilen, vor ihm niederfallen und es anbeten. Anbetung ist erster und wichtigster Dienst, den wir Gott, dem erschienenen Heiland, schulden.

Aber die Anbetung muß sich fortsetzen im Leben. Was hier im Gotteshaus, im Gottesdienst geschieht, das muß sich im Leben bewähren. Wir müssen also die Huldigung, die wir kniefällig vor dem Krippenkind vollziehen, in unser Leben tragen, und das kann nicht anders geschehen, als daß wir geduldig und gewissenhaft die Aufgabe erfüllen, die Gott uns gestellt hat, indem wir treu und ohne Zagen seinen Willen tun, ob er leicht oder ob er schwer ist, daß wir dem Krippenkind unsere Huldigung darbringen durch unsere Taten, durch die selbstlosen Taten unseres Lebens.

Wenn Sie heute, meine lieben Freunde, die Gottesdienstverkündigung dieser Pfarrei ansehen, dann stoßen Sie auf Zahlen, Zahlen für das vergangene Jahr. 28 Geburten, 53 Todesfälle, also fast ein Verhältnis wie 1 zu 2; doppelt so viel Särge wie Wiegen. Ist das die Weise, wie wir, wie diese Pfarrei dem König der Welt huldigt? Zu diesen Zahlen müssen Sie sich noch die Ausgetretenen dazudenken, die nicht dabeistehen. Zahlen sind hartnäckige Dinge, und sie sagen etwas aus, ob wir den Spuren der Weisen gefolgt sind oder nicht.

Nehmen wir es uns zu Herzen, meine lieben Freunde, und machen wir den festen Vorsatz, daß wir in diesem Jahre den Fußspuren der Weisen aus dem Morgenlande folgen wollen, daß wir dem Heiland, dem neugeborenen König huldigen mit dem Herzen und mit den Lippen, aber vor allem mit der Tat unseres täglichen Lebens.

Amen.

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